Rouladen und Rap

Ich bin ein altmodischer Mensch. Und dann doch wieder nicht. Ich horte Massen an Büchern, verbringe aber traurigerweise dennoch den Großteil meines Lebens vor Bildschirmen. Ich kaufe Magazine und schreibe für sie, gleichzeitig folge ich 176 Menschen auf Twitter. Ich liebe es Musik per iTunes Store und datpiff.com zu konsumieren. Aber das Buch ist für mich eine heilige Kuh. Ebooks? Brauch ich nicht, will ich nicht.
Um mich dazu zu bewegen, die Kindle-App auf iPhone und Macbook zu installieren musste schon was Besonderes her. Oder nur etwas ganz Kleines – je nach Blickwinkel. Denn die Erzählung, um die es hier eigentlich gehen soll, wäre auf Papier gedruckt und in Leinen gebunden vermutlich keine hundert Seiten lang. Auf meinem Display steht gerade irgendwas von Position 82 von 1530 und eine Prozentangabe. Den Lesefortschritt gezwungenermaßen alle paar Minuten an einer Prozentzahl festzumachen macht mich irgendwie unruhig. Aber habe ich eine Alternative? Nö. Denn die Autorin, Ada Blitzkrieg nennt sie sich, will es so – gedruckt ist nicht. Und lesen muss ich dieses Geschichtchen. Warum? Weil diese Ada auf Twitter witzigere Kapriolen schlägt, als ihr alle zusammen. Und ob so jemand mich tatsächlich auch für länger als 10 Sekunden am Stück unterhalten kann, dass würde ich gerne herausfinden.
»Dackelkrieg«, so der Titel des E-Büchleins, fängt an mit einem weißen Dobermann. Die Ich-Erzählerin, die, so viel Mutmaßung sei erlaubt, ihrer Schöpferin sehr ähnlich zu sein scheint, trifft vor einem Supermarkt auf diesen Hund und gibt ihm den Namen Fuchur. Seitenlang beschäftigt sie sich mit dem fremden, angeleinten Tier und taucht immer tiefer in ihre Gedankenwelt ab. In der scheint, das merkt man schnell, einiges drunter und drüber zu gehen. Weil ihr die Menschenwelt manchmal zu viel abverlangt, beschäftigt sie sich umso mehr mit Tieren. Vermutlich mag sie die eh mehr als Menschen. Folgerichtig heißt das zweite Kapitel ALF.
ALF, das ist eine Katze, eine, die auch außerhalb des Netzes zu existieren scheint, eine eigene Facebook-Seite hat, aber gleichzeitig so flauschig und niedlich ist, dass jede andere Web-Muschi vor Neid erblasst. Überhaupt spielt, selbstverständlich, die digitale Welt eine große Rolle in dieser Geschichte. Die Erzählerin spricht viel davon, wie sehr sie die offene und zugleich in sich abgeschlossene Welt ihres »Unsmartphones« der stinkenden, hässlichen Welt da draußen (aka Berlin) vorzieht. Sie ist so Internet-süchtig, dass ihr Freund regelmäßig nur die zweite Geige spielt. Sie erkennt das, aber vermag dagegen nichts zu tun. Wie alle ihre Schwächen trägt die Erzählerin diesen Makel ohne Gnade an ihre Zuhörer heran.
Überhaupt spricht die Erzählerin/ Ada sehr offen über sich und ihre Gefühlswelt. Manchmal ist das wahnsinnig lustig, manchmal schmerzt es aber auch. »Dackelkrieg« scheint weniger Fiktion als öffentliche Selbstsezierung zu sein und bei der geht die Autorin wenig zimperlich vor. Man kann nachvollziehen, warum die Erzählung in der F.A.S. als Beispiel für den Hyper-Narzissmus der Internet-Generation herhalten musste.
Tatsächlich kommt man hier mit klassischen literaturkritischen Maßstäben nicht weit. Eine wirkliche Handlung ist zum Beispiel beim besten Willen nicht zu erkennen. Aber: Die unbedingte Subjektivität des Textes bietet eben auch viel Projektionsfläche. Und: Ada Blitzkrieg ist eine Autorin, die man dank ihrem (dreckigem) Sprachwitz nicht mal dann weglegen wegklicken kann, wenn einem ihr alles umfassender Pessimismus tatsächlich auf die Nerven geht. Entschädigt wird der Leser nämlich durch jene Momente, in denen Ada ihren Hass auf die Primark-Konsumkultur prägnant artikuliert (»Es geht in dieser Art Geschäft schon lange nicht mehr um Produkte, sondern um die reine Tätigkeit des Shoppings und die plumpe Befriedigung der inneren Leere, die diese Kids als Produkt der Beauty-Diktatur aufgebürdet bekommen haben.«) oder dann, wenn sie ihre eigene, innere Leere erkennt und bekämpft (»Das Internet scheint mich immer füllen zu können. Mit verfügbarem Sex, platten Witzen und inspirierenden Kochrezepten.«).
Irgendwann gegen Ende der Erzählung reist die Erzählerin zurück zu ihrer Familie in die Provinz. Raus aus Berlin, dem Moloch, vor dem sie sich in ihrer schmucken Altbauwohnung sonst alltäglich so gut es geht versteckt, und zurück an den Ort ihrer Jugend, von der sie in Erinnerungen über das Buch verteilt berichtet. Sie schreibt: »Ich trinke warmen Sekt und höre auf dem alten Plattenspieler meine Vaters Musik. Ein Paar Meter hinter der Wand schlafen meine Eltern und Berlin mit seinen ganzen Kotti-Pennern, dem Dönerdreck, den Spätis, der Taubenkacke, dem Hupen, der Aufregung, den Hipstern, den brennenden Mülltonnen, den traurigen Gesichtern, dem Druck, seinen Trends, Vorstädten, Stadtteilen, Häusern, Fenstern, Menschen und dem ganzen anderen Scheiß ist weit weg. (..) Und ich möchte die ganze Nacht wach liegen, unter einem sternenlosen Himmel aus Selbstvorwürfen und Schmerz, den ich mir selbst aufgespannt habe, und die Quälereien und Enttäuschungen hinnehmen, weil es mir gut geht.«
Eine beinahe schmerzhaft lange Aufzählung, aber sie wirkt. In diesem Moment kommt man gemeinsam mit der Erzählerin an und der in den Stunden zuvor aufgebaute (Selbst-)Hass löst sich in Luft auf. Ich spüre (rede ich mir zumindest ein), dass ich einen Menschen verstanden habe und das entlässt mich mit einem guten Gefühl. Da ist es dann auch ziemlich egal, dass ich hier vermutlich keine hohe Literatur für die Ewigkeit gelesen habe. Und wenn ich abschließend die Danksagung am Ende des Buches lese, dann fühle ich tatsächlich irgendwie gerührt. Ich denke mir, Ada, du machst das schon. Und wenn du das kannst, dann kann ich das wohl auch.
P.S. Ich würde mich trotzdem über ein gedrucktes Buch freuen. Romane auf dem iPhone lesen – nicht meins.
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